Was hatte ihn nur dazu bewogen? Wieso war es nur soweit gekommen? Sollte er seine Entscheidung bereuen? Konnte er überhaupt von Reue sprechen? Nein, sein Schritt war unüberlegt und spontan, ja, aber er musste getan werden und er hatte ihn bis heute nicht bereut. Doch mit den Konsequenzen hatte er nicht gerechnet. Doch hätte er damit rechnen müssen! Denn er hatte damit seinem Freund vor den Kopf gestoßen. Ihn enttäuscht, sehr enttäuscht. Doch war ihm das zu Anfang nicht bewusst. Erst als er eines Morgens erwachte und seinen einstigen Begleiter in seinem Zimmer aufsuchen wollte, erfuhr er von dem dortigen Wirt, dass der „feine junge Herr“, wie er seinen Freund nannte, noch vor Morgengrauen das Gasthaus und auch die Stadt verlassen hatte.
Als er diese Nachricht hörte, war er sofort aus dem Haus gestürmt, zurück zu seinem Zimmer, zu seinen Sachen, zu seinem wenigen Hab und Gut. Als er dieses gepackt hatte, hatte er sich sofort auf die Suche nach seinem Freund gemacht. Doch gefunden hat er ihn nicht. An keinem der umliegenden Höfe ist er gesehen worden. Niemand mit seiner Beschreibung wurde von den Reisenden in die Stadt gesehen.
Dieser Traum verfolgte den jungen Kämpfer nun schon seit Jahren. Und immer wieder endete er auf die gleiche Weise. Er kehrt zurück in die Stadt, alleine, verlassen von seinem Freund. Auf dem Weg zu seinen neuen Begleitern und Mitstreitern.
Tief in seinem Inneren wusste er wohl was er ihm mit seiner Entscheidung antat. Aber es war wohl zu tief in ihm verborgen, denn als er es erkannte war es bereits zu spät. Der Beitritt zu den Schattenkämpfern hatte alles verändert. Er lernte neue Leute kennen, neue Weggefährten und Freunde. Und doch fühlte er sich immer auf eine gewisse Art alleine. Die Wut, die er Anfangs empfand, wandelte sich sehr schnell in tiefes Bedauern, denn er wusste um seine Fehler und seinen. Doch hatte er keine Chance mehr diese seinem Freund mitzuteilen, denn er war fort.
Trotz allem bereute er diese Entscheidung nie. Ja, er hatte einen hohen Preis dafür gezahlt, aber vielleicht war es besser so. Vielleicht hatte das Schicksal diesen Weg für ihn vorgesehen. Natürlich gab es immer wieder Zeiten, in denen seine Schuldgefühle ihn fast übermannt hätten, doch konnte er diese immer wieder nieder kämpfen.
Mit der Zeit lernte er seine neuen „Freunde“ besser kennen und auch zu schätzen. Gemeinsam überstanden sie viele Gefahren und bestritten viele Abenteuer. Und so konnte er seine Schuldgefühle immer wieder in sich vergraben. Doch verschwunden waren sie nie. Denn zu tief waren die Wunde und die Leere, die sein treuster Freund hinterlassen hatte.
Auch heute hatte ihn dieser ewig wiederkehrende Traum aus dem Schlaf gerissen. Er befand sich wieder einmal auf einer einsamen Wanderung durch die Wildnis. Etwas, was er seit geraumer Zeit oft zu tun pflegt. Um seine Gedanken zu ordnen und über vergangenes nachzudenken. Dies war wohl auch der Grund wieso ihn der Traum seit längerer Zeit einmal mehr aus der Nachtruhe gezogen hat. Denn immer wenn er alleine seinen Gedanken nachgeht, träumte er vom Verlust seine Freundes.
Das Feuer, an dem der braunhaarige Mann seinen heutigen Fang, ein stattliches Kaninchen, gebraten hatte, glühte noch. Da er nun sowieso keine Ruhe mehr finden würde, legte er einige trockene Zweige nach und das Feuer begann nach kurzer Zeit wieder munter vor sich hin zu flackern.
Völlig gedankenverloren starrt er in die wild um sich schlagenden Flammen und nahm ein Medallion, das er stets um den Hals trug in seine schwieligen Hände. Die Geräusche und die Umgebung um ihn herum verloren an Bedeutung. Er ist völlig allein mit sich und seinen Gedanken. Wieder und wieder denkt er an seinen Freund. Monatelang hatte er immer wieder nach ihm gesucht. An alten Verstecken und manchmal so war ihm, hatte sein Freund dort gelagert, aber entweder schon Wochen zuvor oder mit keinerlei Hinweis auf seinen weiteren verbleib. Irgendwann hatte er sich damit abgefunden seinen Freund nicht wieder zu sehen. Was sollte er schon tun? Noch immer starrte er in die Flammen und drehte das Medallion in seinen Händen. Vor langer Zeit hatten sich die Beiden dieses Schmuckstück anfertigen lassen um ihrer Freundschaft zu Gedenken. Seit der Trennung hatte es noch viel mehr an Bedeutung für ihn gewonnen. Denn es war das einzige Bindeglied zu seiner Vergangenheit, das er immer bei sich trug. Abgelenkt durch diese Gedanken nahm er um sich herum nichts wahr. Deshalb sah er auch den Schatten nicht, der hinter einen Baum hervor geschlichen kam. Langsam näherte sich die dunkle, völlig schwarz gekleidete Gestalt dem einsamen Wanderer. Nur noch einige Zentimeter von ihm entfernt legte er selbstbewusst eine Hand auf die Schulter des sitzenden Mannes. Nur Sekundenbruchteile später greift dieser mit der Rechten reflexartig zu einem seiner Schwerter, die er immer in Griffweite bei sich liegen hatte. Gekonnt drehte er sich blitzschnell aus dem lockeren Griff des Unbekannten um mit einem seitwärts geführten Hieb den Kopf seines Angreifers vom Rumpf zu trennen. Doch auch sein Angreifer war ein gekonnter Kämpfer und der Schlag kam nie an, denn seine Klinge wurde von einer harten Parade blockiert. Gerade als er zu einem weiteren Angriff ausholen wollte erhaschte er einen Blick auf das Gesicht seines Gegners.
Vor Schreckt lies er seine eigene Waffe aus den Händen gleiten und starrte mit ungläubigen Blick in die Augen seines… Freundes.
„Das… kann nicht… sein“, kam es leise stockend über seine Lippen. Doch vor ihm stand wirklich sein alter Weggefährte. Er lies sich langsam auf seine Knie fallen und starrte immer noch ungläubig zu seinem, nun zaghaft lächelnden, Freund hinauf.
„Du solltest nicht vor mir nieder knien, mein alter Freund“, waren die ersten Worte, die er an ihn richtete um ihm zugleich die Hand hinzustrecken. Tief berührt ergriff er die Hand und lies sich von seinem einstigen Freund auf die Beine ziehen. Tränen liefen stumm über die Wangen des noch immer überraschten Wanderers. Als er sich wieder ein wenig gefasst hatte, fragte er: „Was machst du denn hier?“
„Ich wollte in der nächsten Stadt neuen Proviant und einige andere Kleinigkeiten kaufen gehen. Dabei stieß ich vorher auf deine Fährte, was ich natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste. Ich folgte ihr und sah dein leicht glimmendes Feuer. Aber es war zu dunkel um dich zu erkennen. Gerade als ich weiter ziehen wollte, schrakst du hoch und hast das Feuer wieder auflodern lassen. Als ich sah wen ich vor mir habe, wollte ich mich schon kehrt machen und dich alleine lassen. Doch irgendetwas hat mich dazu bewogen zu warten. Und als ich sah was du in deine Hände nahmst konnte ich nicht umhin noch ein wenig weiter zu warten. Deine Augen sprachen im flackern des Feuerscheins mehr als 1000 Worte. Ich weiß selbst nicht genau warum, aber als ich dich sah mit dem Zeichen unserer Freundschaft. Ich konnte nicht mehr einfach fort gehen. Ich musste mich dir zeigen. Und nun stehe ich hier und weiß, dass es richtig war, nicht wieder zu gehen. Ich habe dich vermisst mein Freund. Wie Brüder waren wir füreinander. All die Jahre der Einsamkeit haben mich oft schmerzhaft daran erinnert. Ich hoffe du kannst mir verziehen.“
„Ich muss dir nichts verzeihen, ich bin es der sich Entschuldigen muss. Denn ich habe einen Weg bestritten, ohne dich vorher zu fragen. Einen Weg, den ich eins abgelehnt habe. Doch ich musste es tun.“ Ein entschlossenes Funkeln trat in seine Augen. „Und ich habe die Entscheidung nicht bereut.“
„Dessen bin ich mir bewusst, mein Freund. Und ich akzeptiere deine Entscheidung und weiß, dass es richtig war. Vielleicht war es uns vorbestimmt einige Zeit getrennt voneinander Erfahrungen zu sammeln. Doch von nun an sind wir wieder vereint, wenn du es denn willst.“
„Ob ich meinen Waffenbruder nach all der Zeit alleine wieder an meiner Seite Wünsche? Wo ich doch gelernt habe alleine auf mich aufzupassen? Was für eine Frage! Natürlich, denn endlich können alte Wunden heilen.“ Fest ergriff er den hingestreckten Arm oberhalb des Handgelenks und umarmte seinen Freund herzlich.
„Alleine auf dich aufpassen? Wenn ich dich Absicht gehabt hätte, dich zu ermorden, dann würdest du den morgengrauen in einer Lache deines eigenen Blutes erleben. Wobei ich eins zugeben muss. Du bist schneller denn je. Dein Schlag kam nur Bruchteile nachdem ich deine Schulter berührte“
„Hartes Training, noch härtere Schlachten gegen unerbittliche Feinde machen einen schneller und schlauer. Doch wie man an deinen Narben sehen kann, weißt auch du dich zu wehren. Auch deine Reaktion auf meinen Hieb war eisenhart. Du bist noch immer sehr stark, wenn nicht stärker.“
„Fürwahr auch ich habe einige hässliche Kämpfe hinter mir. Wie ich sehe hast du zwei neue Waffen. Sehr schöne Klingen sind das, Elbenarbeit nicht wahr?“ Dies war eher eine Feststellung als Frage.
„Ja, Laranion lies mir diese Waffen anfertigen. Er meinte kurz vor mir war schon ein junger Krieger bei den Elben zu Gast und lies sich ähnliche Schwerter fertigen. Mir war nicht bewusst, dass viele Krieger den Kampf mit zwei Schwertern suchen.“
Ein leichtes lächeln stiehlt sich auf die Lippen seines Freundes. „Ich glaube, dass du Recht hast. Nicht viele gibt es.“ Mit diesem Satz zog er hinter dem Rücken ein weiteres, kunstvoll verarbeitetes Schwert, hervor und reichte seine beiden Schwerter seinem Gegenüber.
„Du warst das? Du hast dir diese Schwerter anfertigen lassen? Aber Laranion wusste doch um unsere Freundschaft. Wieso hat er mir nie etwas gesagt?“
„Ich habe ihn darum gebeten. Er hat nicht nach Gründen gefragt, aber ich denke er konnte sich seinen Teil denken. Denn sonst besuchten wir ihn immer zu zweit. Wie ich sehe hat er sein Wort gehalten, auch wenn er eine kleine Andeutung nicht für sich behalten konnte.“
„Mir hätte es sofort auffallen müssen, doch meine Gedanken waren zu diesem Zeitpunkt an einem anderen Ort.“
„Ob ich wohl sagen sollte, dass es gut war, das deine Gedanken nicht komplett bei dir waren?“, kam es lächelnd über die Lippen.
„Vielleicht war es das.“, lächelt der junge Mann zurück. „Lass uns erstmal ein wenig essen. Sieh nur, der Morgen graut bereits.“
Schweigend bereiten die beiden ein kleines, für Krieger übliches, Frühstück vor. Nach einiger Zeit brach der braunhaarige „Bruder“ sein Schweigen: „Thalion?“, sagte er leise.
„Ich habe dich auch vermisst Thomar“, kam die Antwort ebenso leise.
Schweigend packten die beiden ihre Sachen zusammen, packten ihre Waffen und gingen gemeinsam in Richtung der aufgehenden Sonne.